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Schulpflicht seit 1874

Im Folgenden erscheinen wortgetreue Auszüge aus den Quellen in Schrägschrift.

Das Mittelalter sah das Kind als eine Art Miniaturform des erwachsenen Menschen. Davon zeugen Gemälde, auf denen Kinder wie Erwachsene gekleidet sind, das erklärt auch die Tatsache, dass Kinder wie Erwachsene zur Arbeit (Kinderarbeit in den Fabriken) herangezogen wurden und juristisch belangt werden konnten. Erst das Fabrikgesetz von 1877 verbot in der Schweiz die Kinderarbeit!
Mit dem 17. Jahrhundert veränderte sich die Sichtweise: Die Kindheit wurde nun als eigenwertige Entwicklungsphase im Leben des Menschen erkannt.

Im 18. Jahrhundert setzte sich die Überzeugung durch, Kinder sollten weniger entsprechend ihrer Schichtzugehörigkeit erzogen sondern gemäss ihrer Anlagen und Begabungen gefördert werden. Mit Jean-Jacques Rousseau (1712 – 1778) erwachte der Gedanke der bewussten und zielgerichteten Erziehung. Er sah diese als „natürliches Wachsen lassen“, während dem die Erziehenden das Kind von diesem unbemerkt so beeinflussen, dass es den Willen der Erwachsenen als seinen eigenen übernimmt. (Übrigens: Mit Kind waren stets Knaben gemeint. Mädchen wurden nicht anders denn als zukünftige Gattin, Mutter und Hausfrau wahrgenommen, deren Heranbildung offenbar keiner besonderen Erziehungsgedanken bedurfte.)
Im 19. Jahrhundert dann entstand der Wunsch nach einer gezielten und relativ breiten Bildung des ganzen Volkes; in ganz Europa wurden Volksschulen eingerichtet. Diese vermittelten nicht nur Lesen und Schreiben, sondern hatten insbesondere die Vermittlung bürgerlicher Werte zum Ziel: Ehrerbietung gegenüber höher Gestellten, Fleiss, Sauberkeit, Pünktlichkeit und Sparsamkeit... Werte, die mit zunehmender Industrialisierung an Bedeutung gewannen.

Die Bundesverfassung von 1874 führte in der Schweiz die allgemeine Schulpflicht ein. Der unentgeltliche (!) Schulbesuch während acht Jahren wurde obligatorisch.
Das thurgauische Unterrichtsgesetz von 1875 führte die sechsjährige Primarschule als Alltagsschule ein. Für die Mädchen folgten zwei, für die Knaben drei Jahre Sommerrepetier- und Winteralltagsschule. Kreuzlingen führte 1914 das Ganzschuljahr für die Oberschule, also die siebte und achte Klasse ein, nachdem eine Volksabstimmung es den Schulgemeinden ermöglichte, diese beiden Schuljahre für obligatorisch zu erklären. Damit war wohl für Mädchen, nicht aber für die Jungen die Schulpflicht erfüllt: Letztere mussten bis zu ihrem vollendeten 18. Altersjahr Winters über jede Woche während vier Unterrichtsstunden die Fortbildungsschule besuchen. Zwei bemerkenswerte Neuerungen des Unterrichtsgesetzes sind die Einführung des Sportunterrichts und des Faches Biblische Geschichte, das nun konfessionsunabhängig erteilt wurde.
Der Unterricht fand an den sechs Werktagen jeden Vormittag und in der Regel an vier Nachmittagen statt. Die Lehrkräfte unterrichteten alle Fächer, oft in mehreren Klassenstufen im selben Schulzimmer. Dabei umfasste der Unterricht Sprache (Lesen, Schreiben, Grammatik), Schönschreiben, Rechnen, Realien (Natur- und Sachunterricht), Singen, Turnen, Biblische Geschichte.
Die wachsende Bevölkerungszahl schlug sich auch in den Klassengrössen nieder. Anfangs des 20. Jahrhunderts zählten die Schulklassen oft 80 bis 90 Schülerinnen und Schüler mehrerer Jahrgänge, was einen effizienten Unterricht doch sehr erschwerte. Der Bau des Schreiberschulhauses 1908 ermöglichte eine Reduktion der Klassengrössen auf rund 60 Kinder.
Nicht nur die Dauer der Schulpflicht widerspiegelte die unterschiedliche Zuteilung der Geschlechterrollen: Mädchen besuchten vom 9. bis zum 15. Altersjahr die Arbeitsschule, wo sie ausführlich in Textilem Werken ausgebildet wurden. Noch in meiner Schulzeit (1953 – 1962) war es selbstverständlich, dass wir Knaben auf den Nachmittag uns am See verabredeten, während die Mädchen „i d Schnurpf“ gingen. Während eines Teils nur der „Mädchenhandarbeit“-Stunden wurden die Knaben in Geometrie unterrichtet. Unser Werkenunterricht umfasste nur zwei Wochenstunden, nicht vier wie jener der Mädchen. Viele Schulen boten, meist im Winterhalbjahr, solche freiwillige (!) Holzbearbeitungskurse für die Jungen an, die Knaben gingen dann anschliessend an den Nachmittagsunterricht „i d Hobli“. [Anm. d. Verf.: Die Wortwahl für die Bezeichnung der beiden Fächer weist wohl auch auf den Grad der Wertschätzung hin.]


Im Zeugnis für Mädchen fehlte die Note für Geometrie, dafür wurde die Mädchenhandarbeit bewertet.

Das Angebot einer weiter führenden Schulbildung durch die Sekundarschule im damaligen Bezirkshauptort Gottlieben bestand nur von 1833 bis 1839. Zu gross waren die Konkurrenz durch die Stiftschule des Klosters Kreuzlingen, die Hörnlischule von Seminardirektor Wehrli und die Konstanzer Schulen, zu gering war die Nachfrage. 1853 führte Wehrlis Wegzug zur Schliessung der Hörnlischule, worauf im folgenden Jahr eine Sekundarschule in Tägerwilen öffnete, die 1863 nach Emmishofen verlegt wurde. Erst Kreuzlingens „Aufstieg“ zum Bezirkshauptort 1874 weckte den Wunsch nach einer eigenen Sekundarschule. Diese begann ihr Wirken 1885 im Pestalozzischulhaus.

Doch besuchten anfangs nur wenige Kinder die Sekundarschule: Da Schulbücher und -materialien selber bezahlt werden mussten, erschienen die Kosten wohl mancher Familie zu hoch, auch hatte die Bildung nicht überall einen hohen Stellenwert.

Es dauerte lange, bis sich die Meinung durchsetzte, eine gute Schulbildung sei für Mädchen ebenso wichtig wie für Knaben: 1885 besuchten neben 51 Knaben nur 15 Mädchen die Sekundarschule. Erst 100 Jahre später war, mit dem Verhältnis von 179 zu 178, der Ausgleich erreicht.

Für Kreuzlinger Jugendliche, die nach der obligatorischen Schulzeit keine Lehre antraten, sa­hen die ersten Jahre im Erwerbsleben etwa so aus:

MännlichWeiblich
ab 1875 Erst ab 1907
einmal wöchentlich einmal wöchentlich
obligatorische Fortbildungsschule:

Vaterlandskunde (neuere Schweizer Geschichte, Staats- und Verfassungskunde), Lesen, Rechnen, Aufsatz.

freiwillige Töchter-Fortbildungsschule: Weibliche Handarbeiten, Kochen, Haushaltführung, Bügeln, Nähen, Gesundheitslehre, Briefe schreiben.

Viele Schüler liessen sich nur durch Zwang zum Besuch der Fortbildungsschule bewegen und verhielten sich im Unterricht bestenfalls desinteressiert.

Das Angebot stiess auf so grosses Interesse, dass einzelne Kurse auch am Abend angeboten wurden, um den in der Fabrik arbeitenden jungen Frauen den Besuch zu ermöglichen.

Eine besondere Stellung nahm der Sportunterricht ein: Hatte, der erste Seminardirektor Johann Jakob Wehrli noch die „natürliche Landarbeit“ dem „künstlichen“ Turnen vorgezogen, wurde 1861 der Turnunterricht doch als unverbindliches Fach für die Sekundarschulen zugelassen. Erst das Unterrichtsgesetz von 1875 schrieb zwei Wochenstunden Turnen vor, was bei vielen auf dem Land wohnenden Eltern übel ankam: Oft hatten deren Kinder lange Schulwege zurückzulegen und in Haus und Feld harte körperliche Arbeit zu verrichten. Sie sahen darum die Notwendigkeit zusätzlicher „Körperertüchtigung“ während der Schulzeit nicht ein.
Durch den Turnunterricht sollte aber die „männliche Jugend vom 10. Altersjahr bis zum Austritt aus der Primarschule auf den Militärdienst vorbereitet“ werden; konsequenter Weise war er dem Militärdepartement unterstellt und dies bis 1983! [Anm. d. Verf.: Während meiner Sekundarschulzeit besuchte ich regelmässig den „Vorunterricht“, eine während der Freizeit angebotene Sportstunde für Knaben, die, wie der Name verrät, ebenfalls als Vorbereitung für die Rekrutenschule gedacht war.]
Diese Zielsetzung des Sportunterrichts hatte zur Folge, dass die Turnstunden manches militärische Element enthielten. Auch war sie wohl mit dafür verantwortlich, dass Bedenken gegen den Sportunterricht für Mädchen geäussert wurden; diese bedurften ja keiner Vorbereitung auf den Militärdienst, und sie sollten bitte nicht zu männlich werden!
Im 20. Jahrhundert wichen die Vorbehalte rasch der Hoffnung, mit Hilfe regelmässiger sportlicher Betätigung die Gesundheit der Kinder und Jugendlichen und damit später der Erwachsenen zu fördern und zu verbessern. Mehr und mehr wurden die Laufübungen, Freiübungen und Übungen an den Geräten ergänzt durch Spiele, Wanderungen aber auch Schwimmen und Eislaufen.

 

Quelle:

M.Bürgi et al. (Hrsg.): Kreuzlingen, 2001

 

Autor:
Kurt Fillinger, Kreuzlingen 2013

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