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Zuzüger

Im Folgenden erscheinen wortgetreue Auszüge aus den Quellen in Schrägschrift.

1927 vereinigten sich die Ortsgemeinden Kreuzlingen und Kurzrickenbach zur Einheitsgemeinde Kreuzlingen, „(...) in aller Ruhe, ohne Festlichkeiten (...)“.
Im Jahr darauf schloss sich diese mit der Einheitsgemeinde Emmis­hofen zusammen, siehe auch Gemeindevielfalt im Thurgau.

Beim Übergang ins 20. Jahrhundert blühte die Schweizerische Wirtschaft. Die Landwirtschaft mit ihrem Zucht- und Schlachtvieh, sowie den Käse- und Milchprodukten war stark exportorientiert. Dasselbe galt für die Industrie. Dies führte zu einer gewissen Offenheit des Landes gegenüber dem Ausland. So wurde die Schweiz Sitz verschiedener internationaler Organisationen und gewährte Fremden grosszügig das Recht sich niederzulassen. Im Verhältnis zu seiner Bevölkerungszahl war die Schweiz eines der europäischen Länder mit der stärksten Einwanderung:

  • Lebten 1850 in der Schweiz 72‘000 Ausländer bei 2,5 Millionen Einwohnern, waren es 1910 schon 441‘000 auf 3,3 Millionen, war der Ausländeranteil also von knapp 3 % auf über 13 % gestiegen.
  • 1970 betrug der Ausländeranteil schweizweit 17.2 %, rund die Hälfte davon italienische Staatsbürger, und Ende August 2011 lag er bei 22,3 %; von diesen waren nun noch rund 17 % italienischer, aber 28 % deutscher Herkunft.

Es mag wohl sein, dass die Schweiz in mancher Hinsicht sich als recht weltoffen darstellte. In der Bevölkerung jedoch wurden die „Fremdarbeiter“ nicht immer gern gesehen (und gehört); deren Andersartigkeit weckte Ängste und Abneigung, die gelegentlich in verbale oder physische Gewalt ausarteten. So entluden sich die Vorurteile gegen die italienischen Arbeiter und ihre „niedrige Kulturstufe“ im Sommer 1896 in tagelangen Krawallen: Schweizer verwüsteten in Zürich zwölf Wirtschaften und zehn Massenlager (!)... und bewiesen so den Stand ihrer eigenen Kultur. Tatsächlich war die Angst vor einer Überfremdung (und mit Fremden waren damals Italiener gemeint) im Volk weit verbreitet. Die „Schwarzenbach-Initiative“, die 1970 den Ausländeranteil auf 10 % senken wollte, wurde zwar abgelehnt, doch stimmten immer­hin 46 % mit Ja.
Die unschöne aber damals weit herum gebräuchliche Bezeichnung „Tschingg“ für Italiener war Ausdruck dieser Ausgrenzung... und „Schwob“ für Deutsche klingt auch nicht viel besser..., siehe auch Tschingg.

Auch Kreuzlingen hatte sich bis zum Ende des 19. Jahrhunderts zu einem Industriestandort entwickelt: Die Nachbarschaft zu Konstanz war günstig, die Anbindung ans Eisenbahnnetz vorzüglich. Die Industrialisierung führte auch hier zu einem starken Zuzug von ausländischen Arbeitskräften, die vorwiegend aus Deutschland und Italien stammten. Letztere fielen besonders auf: Sie brachten ihre eigene Sprache und Kultur mit und verhielten sich nicht immer so, wie dies die Einheimischen gewohnt waren. Am Arbeitsplatz wie auch in den Geschäften blieb es zwischen Schweizern und Italienern meist bei freundlicher Distanz und die Fremden blieben oft untereinander. Weder Schweizern noch Eingewanderten gelang die Integration, und Max Frisch vermutete wohl zu Recht, dass eine solche von Schweizer Seite auch gar nicht erwünscht war: Wir riefen Arbeitskräfte und es kamen Menschen. Diese Menschen wohnten in den ersten Jahren und Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts in einfachen, oft primitiven Verhältnissen und bildeten bald eine Art Parallelgesellschaft. Es bedurfte in den Köpfen und Herzen der Schweizerinnen und Schweizer einer sehr langen Entwicklung, bis 2011 diese Aussage der Zürcher Stadtpräsidentin Corine Mauch möglich wurde: Wir essen besser, kleiden uns schöner, sind kreativer und können richtig feiern. Zürich ist lebendiger geworden, seit sie zu uns gekommen sind.
Die Kinder der Eingewanderten besuchten die hiesigen Schulen: 1907 zählten die Primarschulen in Kreuzlingen und Egelshofen rund 70 italienische Kinder, und 1913 wurde gar eine Schulabteilung für italienisch Sprechende eröffnet.

Die Jahresberichte der Stadt Kreuzlingen befassen sich häufit mit dem Zuzug ausländischer Bewohner:

1914  Ausdrücklich wird erwähnt, dass nach dem Kriegsausbruch mehr Schweizer als Ausländer nach Kreuzlingen gezogen wären. Offenbar überwog in früheren Jahren der Zuzug ausländischer Personen.
1925 Nur 177 der Neuzuzüger erhalten die Niederlassungsbewilligung, die grosse Mehrheit muss sich mit einer Aufenthaltsbewilligung begnügen, 529 davon sind Ausländer mit befristetem Visum, siehe auch Niederlassungs- und Aufenthaltsbewilligung.
1930    Wenn auch die Volkszählung vom 1. Dezember 1930 nur eine Vermehrung von einigen hundert Seelen brachte, so steht Kreuzlingen bezüglich Zuwachs der Einwohnerschaft doch an erster Stelle und ist bezüglich Einwohnerzahl im Kanton Thurgau nach der Hauptstadt in den zweiten Rang gerückt. Wenn man die Abwanderung der grossen ausländischen Familien (Italiener und Deutsche) während des Krieges, wie auch den steten und permanenten Geburtenrückgang in Berücksichtigung zieht, so ist die Entwicklung doch erfreulich und natürlich. Der Zuzug aus der übrigen Schweiz und namentlich von Privatpersonen aus Deutschland hält an, und immer mehr wird das kleine Gartenstädtchen an der Ostmark des Landes zum Ruhesitz auserwählt.
Von den 24 % Ausländerkindern ist ein Grossteil deutscher Staatsangehörigkeit.
1933 Die fremdenpolizeilichen Bestimmungen haben wiederum verschiedene Änderungen und teilweise Verschärfungen erfahren, siehe auch Deutsch-jüdische Schüler.
1946  Nach dem Krieg zieht die Konjunktur wieder an, die Erleichterungen im Grenzverkehr fördern den Austausch mit Deutschland.    
1950 Kreuzlingen wird zur Stadt: 10‘071 Einwohner. Davon sind 1539, also 15,3 % Ausländer.    
1960 Von den nun schon 12‘586 Ein­wohnern sind 2600 Ausländer, also 20.7 %.    
1965 Dier folgenden Feststellungen aus dem Zivilstandsamt verraten einen gewissen Stolz über die zunehmende Internationalität der jungen Stadt: Weiter haben 19 Schweizerbürger eine Ausländerin auserkoren und 16 Ausländer eine Schweizerin. (...) Die nachfolgende Aufstellung zeigt, wie Kreuzlingen „international“ geworden ist. Die Ehegefährtinnen der oben erwähnten Schweizerbürger stammten aus folgenden Ländern: 13 aus Deutschland, 2 aus Italien, 2 aus Österreich, je eine aus Frankreich und der Türkei. – 16 Ausländer haben je eine Schweizerin geheiratet, die Ehemänner stammten aus folgenden Ländern: 12 aus Deutschland, 2 aus Italien, je einer aus Ungarn und den USA.
In den 41 Fällen, wo Braut und Bräutigam Ausländer waren, hatten diese folgende Staatsangehörigkeit: 20 Italiener heirateten ihresgleichen, 4 Deutsche ebenfalls je eine Deutsche, 3 Italiener je eine Spanierin und 3 weitere Italiener je eine Deutsche. 2 Ungarn nahmen je eine Deutsche zur Frau, 1 Deutscher eine Italienerin, 1 Deutscher eine Österreicherin, 1 Österreicher eine Deutsche, 1 Österreicher eine Landsmännin, 1 Grieche eine Österreicherin, 1 Pakistaner eine Deutsche, 1 Spanier eine Spanierin, 1 Ungar eine Französin, 1 Kolumbianer eine Chilenin.
   
1970 Von den 15‘835 Einwohnern sind 5214, also 32.9 % ausländischer Herkunft. Die meisten davon sind Italiener (1774), gefolgt von Deutschen (1117), Österreichern (197), Jugoslawen (129), Tschechoslowaken (114) und Ungarn (40). Bemerkenswert ist dabei, dass von ersteren die meisten nur über eine Aufenthaltsbewilligung verfügen, während Deutsche, Österreicher und Ungarn (Ungarnaufstand 1956!) sich in der Mehrheit hier niederlassen konnten.    
1980 Die Einwohnerzahl steigt auf 16‘488, davon sind 4893, also 29,6 % Ausländer.    
1990 Die Einwohnerzahl beträgt 16‘454, davon sind 5843, also 35.5 % Ausländer. Auffallend ist, dass sich dabei die Zahl der jugoslawischen Staatsangehörigen mit 964 seit 1985 verdoppelt hat. Da kündigten sich wohl die 1991 ausbrechenden Balkankriege bereits an (Josip Broz Tito war 1980, nach 35-jähriger Herrschaft gestorben).    
1995 Die Einwohnerzahl steht bei 17‘392, davon sind 39.8 % Ausländer. Von diesen bilden nun Menschen aus Ex-Jugoslawien die grösste Gruppe.    
2000 16‘714 Einwohner, davon sind 6759 Ausländer (40.4 %)    
2010 Die Einwohnerzahl erreicht 19‘415, davon sind 9671 (49.8 %) ausländischer Nationalität. Dazu bemerkt die Homepage Kreuzlingen im Oktober 2011: Ungebremst ist der Zuzug von Personen mit deutschem Pass: Ende Juli 2010 lebten 4406 Personen aus Deutschland in Kreuzlingen, per 31. Dezember 2010 waren es 4473 Personen (...).    
2011 In der Augustausgabe der Broschüre „Info Kreuzlingen“ heisst es: Kreuzlingen ist multikulturell: Ende April 2011 lebten in Kreuzlingen 19‘559 Einwohnerinnen und Einwohner, wobei 49.78 Prozent einen Schweizer Pass und 9823 Einwohnerinnen und Einwohner (50.22 %) einen ausländischen Pass besitzen. Von der ausländischen Bevölkerung haben 4600 einen deutschen Pass.
[Anm. d. Verf.: Die beiden letzten Zitate zeigen nicht nur, dass die Trägerinnen und Träger eines Schweizer Passes leicht in die Minderzahl geraten sind. Sie sind auch von kulturellem Interesse, beleuchten sie doch beispielhaft eine aktuelle Erscheinung, nämlich das (mitunter krampfhafte) Bemühen um politische Korrektheit in der Sprachverwendung. Diese wird bei der oder dem Schreibenden 2010 durch die Benutzung des Wortes Person statt Einwohner und bei der Schreiberin oder dem Schreiber 2011 durch die Verwendung sowohl der weiblichen (stets zuerst!) als auch der männlichen Form erreicht. Letzteres lässt oft eine gewisse Eleganz vermissen...]
   

Die Kinder von Eltern aus anderen Ländern leben nicht gleichmässig verteilt in der Stadt. Das führt gelegentlich dazu, dass in einzelnen Klassen der Anteil von Kindern deutscher Mut­tersprache nur gering ist.

Deutsch für Fremdsprachige

Versuchsweise wurde 1964 für Italienerkinder, die wegen mangelnder Kenntnisse in der deutschen Sprache dem ordentlichen Unterricht nicht zu folgen vermögen, ein zusätzlicher Deutschunterricht von vorläufig einer Stunde pro Woche eingeführt.
[Anm. d. Verf.: Noch stammten Kinder fremder Muttersprache in der Regel aus Italien. Etwa 20 Jahre später hörte ich, wie eine seit vielen Jahren in Kreuzlingen lebende italienische Mutter eine seit kurzem hier weilende Kollegin fragte: Kannst du dir das bei uns in Italien vorstellen, dass man den fremden Kindern mit eigens für sie eingerichteten Kursen beim Sprachelernen hilft?]
Die Ergebnisse waren so befriedigend, dass das Angebot stetig verfeinert und ausgebaut wurde. 1987 sah dies so aus: In den ersten Wochen werden die Kinder jeden Tag während 2 Stunden betreut. Nach Abklärung ihrer Fähigkeiten werden sie einer Normalklasse zugeteilt und besuchen nun noch 2-3mal pro Woche während einer Stunde den Deutschunterricht. Nach zwei Jahren sind die Kinder meistens in der Lage, dem normalen Unterricht einigermas­sen zu folgen.
1970 wurde eine Eingliederungsklasse für fremdsprachige Kinder beschlossen: Nicht mehr nur während einzelner Wochenstunden sollten des Deutschen unkundige Kinder sich diese Sprache aneignen können, vielmehr wurden sie sowohl ihrer Stammklasse als auch der Eingliederungsklasse zugeteilt: Hier wurden sie anfangs fast die ganze Woche über betreut und besuchten den Unterricht in ihrer Klasse nur während einzelner Stunden (z. B. in Zeichnen und Turnen). Ja sicherer sie sich in der Deutschen Sprache fühlten, umso mehr Zeit verbrachten sie in der regulären Klasse, bis sie schliesslich ganz in diese übertreten konnten.
In den 80er-Jahren stieg die Zahl der Kinder, die zusätzlichen Deutschunterricht benötigten stark an. Darum wurde der Deutschunterricht für fremdsprachige Kinder neu organisiert: Neu zugezogene Kinder besuchten fünfmal wöchentlich eine zusätzliche Deutschstunde, für andere Kinder mit ungenügenden Deutschkenntnissen wurden 2 bis 4 Wochenstunden Stütz­unterricht angeboten.
In den ersten Jahren des neuen Jahrhunderts wurde das Angebot individualisiert: Neu zugezogene fremdsprachige Kinder erhalten heute einen intensiven Deutschunterricht nach ihren Bedürfnissen; Ziel ist es dabei, die Kinder innerhalb der regulären Stundenplans optimal zu fördern.
Seit 2002 wird auch in den Realschulen ein zusätzlicher Deutschunterricht für Fremdsprachige erteilt, siehe auch Kindergarten.

 

Quellen:

  • M.Bürgi et al. (Hrsg.): Kreuzlingen, 2001
  • Peter Dürrenmatt: Schweizer Geschichte, Bern 1957
  • Jahresberichte der Stadt Kreuzlingen, Stadtarchiv

 

Autor:
Kurt Fillinger, Kreuzlingen 2013

 

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