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Journal René Schaad

Im Folgenden erscheinen wortgetreue Auszüge aus den Quellen in Schrägschrift.

René Schaad unterrichtete von 1977 an während 30 Jahren als Reallehrer, zuerst im Schulhaus KURIBA (Primarschulzentrum Seetal) und ab 1998 im Remisberg. Ab 1991 arbeitete auch seine Frau Carola mit seiner Klasse. Seine Schultagebücher erzählen nicht nur von besonderen Ereignissen, die er und seine Schulklassen durchlebten. Vielmehr dokumentierte er mit vielen Zeitungsausschnitten das schulische und pädagogische Umfeld seiner Schularbeit. Er schreibt einmal dazu:

Carola fragt mich, was alle diese Zeitungsausschnitte mit unserer Klasse zu tun hätten. Direkt nicht sehr viel, aber ich habe wohl Gründe.
Einmal möchte ich diese Zeit des wohl unwidersprochenen Umbruchs dokumentieren. (...) Vielleicht schmunzelt in einigen Jahrzehnten ein Forscher über unsere Zeit, als man Fakten noch zu Papier brachte.

[Anm. d. Verf.: Nun, es hat nicht Jahrzehnte gedauert und dem Schreibenden ist der Gebrauch von Papier (auch) zum Festhalten von Fakten durchaus geläufig; Dennoch hat er das Ansinnen der Schulbehörde abgelehnt ein Buch „Kreuzlinger Schulgeschichte“ zu verfassen und stattdessen die papierlose Internet-Chronik vorgeschlagen, die Sie jetzt eben nutzen.
Aus Schaads Journal wähle ich einige wenige Einträge aus, die mir besonders gut die tro­cke­nen Fakten einer Schulgeschichte zu ergänzen scheinen... durch persönliche Meinungen, Betroffenheit, Gefühle eben, wie sie sonst in einer Chronik keinen Platz finden. Schaads können mir hoffentlich verzeihen, dass ich dabei einen für sie ganz wichtigen Bereich ihrer Schularbeit weglasse: Die Aufführungen ihrer aussergewöhnlichen Schultheaterstücke.]

1999
Kreuzlinger Regionalkünstler stellen ihre Werke im Schulhaus aus. Waren wir Lehrkräfte erst noch skeptisch (Beschädigung der Bilder), änderten wir unsere Meinung im Laufe der Zeit: Die Kunstwerke interessierten die Schüler sehr stark.
Von den 16 Schülerinnen und Schülern rauchen 7 regelmässig. Grund genug, das Thema vertieft anzugehen.

2000
Die diesjährige OS-Konferenz (Real- und Sek-Lehrer) in Weinfelden fand ihren Niederschlag in der Zeitung, weil sich ein (...) Grossrat (...) darüber aufregte, dass die Lehrerschaft für ihre Konferenzen nicht den freien Samstag verwendet. Herr (...) weiss wohl nicht, dass wir heute bis zu 30 Lektionen jährlich mehr unterrichten, als zur Zeit der 6-Tagewoche (...).
Dabei gäbe es für die Grossräte genug Probleme zu lösen (die sie teils selber verursacht haben).
In einer gemeinsamen Veranstaltung im Februar stellt René Schaad den Eltern der 6. Klassen Seetal die Realschule, Heinz Schmid die Sekundarschule vor. Solche Elternabende sollen den Eltern die Grundlagen vermitteln, um für ihr Kind die passende Oberstufe auszuwählen.

2001
Im Februar geben die bevorstehenden Wahlen in die Schulbehörden Anlass zu einer Aussprache über aktuelle Schulprobleme:

  • Die Hälfte aller Schulkinder in Kreuzlingen sind Ausländer.
  • Für rund 30 % davon ist Deutsch eine Fremdsprache.
  • Multikulturalität ist Aufgabe und Chance zugleich.
  • Davon unabhängig beunruhigt das zunehmend rauere Klima auf den Kreuzlinger Schulhöfen.

März 2001: Was ist ein glücklicher Lehrer? Die Arbeitsbedingungen können mich zufrieden machen. Und für die Schüler ist ein zufriedener Lehrer eine gute Lernvoraussetzung.

Die Einrichtung der Stelle eines Schulberaters ist eine Folge dieser Veränderungen und beweist den Willen der Behörde auch diese Herausforderung aktiv anzugehen.
Zum Thema Schulleitung: Ein weiteres Kapitel zum Thema Qualitätssicherung steht unter dem Stichwort Schulleitung. Was 150 Jahre lang gar nicht so schlecht funktioniert hat, nämlich der autonome Klassenlehrer, ist plötzlich out, ein Schulleiter muss her! (...)

Im März: Lehrerverein: Wir diskutieren die Vernehmlassung betreffend LQS (Lohnwirksames Lehrerqualifikationssystem) und Schulleitung. Wir hätten schon Antworten, aber sie passen schlecht zu den gestellten Fragen. (...)
Was in Bürglen geleitete Schule genannt wird, haben wir im OZ Remisberg mit unserem Schuhausvorstand Markus Raimann weitgehend verwirklicht.
Unter einem Artikel der Thurgauer Zeitung vom 16.05.2001 der Thurgauer Zeitung: „Gegen Gewalt in der Schule“ notiert Schaad: Selten geworden in den gegenwärtigen Schlagzeilen: Der Begriff „Gewalt“. Bei uns kommt er noch vor, in unserem Theaterstück „Eins auf die Fresse“, das wir Ende Juni nochmals aufnehmen werden.
Mehrere Seiten sind mit Zeitungsausschnitten zu den vermutlichen Gründen des Lehrermangels gefüllt.
Ein Teil des Teams, die Englischlehrkräfte, besuchen seit einem Jahr am Mittwoch Nachmittag einen Sprachkurs um das Cambridge First Certificate zu erreichen. Dafür zahlen sie einige tausend Franken aus dem eigenen Sack. So attraktiv kann unser Beruf sein.

Zum Abschluss der Schulzeit fährt Schaads Klasse für drei Tage nach Paris!

Herbst: Der „Bericht zur Entwicklung der Volksschule“ zeigt die Stossrichtung der anstehenden Reformen. Prioritär angegangen werden

  • Einführung der Schulleitungen zur Verbesserung von Personalführung und Qualitätsmanagement der Schulen
  • Schulaufsicht: Trennung zwischen Beratung und Beurteilung
  • Einführung der Schulberatung ab Sommer 2002
  • Aufbau der durchmischten Oberstufe
  • Aufnahme des Betriebs der Pädagogischen Hochschule ab 2003

Mit der neuen Klasse unternimmt Schaad eine Fahrradtour. Sie verläuft ohne grössere Zwischenfälle. (...) Das nächste Mal können wir eine etwas grössere Reise wagen.

2002
Diese grössere zweitägige Reise nach Basel wurde Schülern und Eltern als Probeübernachtung im Hinblick auf ein Klassenlager angekündigt.
In einem ausführlichen Brief legt Schaad nach der Klassenfahrt dar, dass eine kleine Gruppe von Buben die Nachtruhe in der Jugendherberge so konsequent und übel gestört hätten, dass er diese von einem allfälligen Lager ausschliessen müsste.
Von einem der Übeltäter findet sich zum Schluss des Schuljahres ein Brief. Einige Auszüge daraus: Ich habe in der Schule Material gestolen. ... ist dabei gewesen und ... ist auch dabei gewesen. (...) ... hat gesagt, dass er immer material holen geht wen nimand zu sehen ist. (...) ... ist mal schauen gegangen und hat einen kleinen Block geklaut. (...) Ich habe zuerst gedach nein weil es ja aus dem Geld von unseren Eltern bezahlt wird (Steuer) aber ich gin mit und holte mir 2 kleine Winkelmessermasstab, 1 Bleistift 2 Radirgummis, 1 Stift und 1 Wasserfestenstift. (...) Ein Mitschüler erzählt dem Lehrer davon. Wir haben einen Klassenrad gemacht und haben dabei auch alles geklaute Schulmaterial mitgebracht. Ich und ... sind bereit jede Strafe anzunehmen. Ich werde meinen Eltern im Garten und im Haushalt helfen. Und der Schule will ich als Entschuldigung Herrn... im Garten oder Schulhaus Puten helfen.
Und 10 Fr. kommen von uns 4 Jungs ins Klassenkasse.

Zu Beginn des neuen Schuljahres führt Schaad ein „Administrationsheft“ ein. Grundsätzlich gehört alles in dieses Heft, was die Eltern interessiert: Rundschreiben, Einladungen, Absenzenmeldungen, Bemerkungen zur Arbeitshaltung u. ä.
Als Kontaktheft findet diese Form des Inormationsaustauschs zwischen Lehrkraft und Eltern ab dem Schuljahr 2004/05 im ganzen Schulzentrum Remisberg Verwendung.
Mitte Dezember besucht der Konvent das Oberstufenzentrum in Bürglen. Wir informieren uns über die zu installierende Schulleitung und über den Schülerrat.

2003
März: Offizieller „Gewaltpräventionstag“. Solche angeordneten Aktionen können mich nicht begeistern. Was machen wir denn, zusammen mit Christian Delforth, unserem Schulberater, tagtäglich? Trotzdem machen wir ein Programm: Diskussionsrunde – Spiele in der Turnhalle (fairplay) – Gesprächsrunde. Ein Ergebnis immerhin: Wir fühlen uns stark genug, ein Klassenlager zu planen. A und B werde ich allerdings mitteilen, dass ich sie mit ihrem Betragen nicht mitnehmen werde. – Einer der Knaben darf auf Beschluss der Klasse dann doch mitfahren, ein Entscheid, der sich als richtig erweisen sollte. Der andere wird im folgenden Sommer die Vergewaltigung eines Mädchens gestehen...

 

Die teilnehmenden Oberstufenlehrkräfte lehnen die Strukturreform (integrative oder durchmischte Sekundarschule) ab.

2004
Die Schlussreise im Juni führt nach Amsterdam und scheint recht anstrengend gewesen zu sein:

2005
Mit der neuen Klasse gelingt die zweitägige Exkursion nach Basel tadellos: Störungsfreies Übernachten. Preis: Sommerlager noch im 7. Schuljahr (letztes Mal um ein Jahr verschoben)! Besonderes: Jan verpasst am Morgen die Zugsabfahrt. Er erreicht uns gegen Mittag dank Eigeninitiative (Handy sei Dank).

Juni: Elternabend, Thema: Bevorstehendes Lager in Mathon. Unerwartetes Interesse an Elterngesprächen: 19 Gespräche in 6 Tagen! Es zeigt sich wieder: Wo Eltern sich für die Schule interessieren, finden sich auch die Kinder besser zurecht.
[Anm. d. Verf.: Im Journal findet sich kein Wort zum Verlauf der Klassenverlegung, doch belegen rund drei Dutzend Fotos, dass diese vorzüglich gelungen ist.]

Im August notiert Schaad zum Bericht „Lehrerbildung in der Schweiz“ unter andrem: 300 Stunden arbeitet die durchschnittliche Lehrkraft ausserhalb der benötigten Zeit für den Unterricht in ihrem Beruf.

2006
Das Amt des Schulleiters hat sich etabliert. Die klare „Gewaltentrennung“ gibt Sicherheit.
Im September führen Schaads ihr letztes Klassenlager in Moscia durch, wieder eine gelungene Woche, obwohl...:

2007
Mit einer Reise ins Berner Oberland schliessen Schaads und ihre Klasse die Schulzeit ab:
Sang-, klang- und schmerzlos war der Abschied. Die meisten zog es förmlich hinaus ins Leben.
Und dann war ich allein.

Autor:
Kurt Fillinger, Kreuzlingen 2013

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