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PSZ Schreiber

Im Folgenden erscheinen wortgetreue Auszüge aus den Quellen in Schrägschrift.

Erbaut MCMIX
Die Schulgemeinden Egelshofen und Kreuzlingen vereinigten sich 1907.
Unmittelbar nach dem Zusammenschluss begannen die Vorarbeiten für den dringend notwendigen Bau eines neuen Schulhauses. Für dieses wurde der freie Bauplatz „Im Schreiber“ oder den „Schriberreben“ gewählt, und schon Ende 1907 bewilligte die Gemeindeversammlung (!) einen Kredit von 230‘000 Franken für die Realisierung des Projekts der Architekten Weideli und Kressibuch, damals eine stolze Summe!

Das Schulhaus erhielt folgende Räumlichkeiten:

  1. Im Souterrain: Schulküche, Bügelzimmer, 2 Räume für Knabenhandarbeit, Abwartkeller, Bade- und Ankleideraum, Heizung, Waschküche und Archiv.
  2. Im Parterre: 4 Lehrzimmer, 2 Garderoben und Aborte.
  3. Im I. Stock: 4 Lehrzimmer, 1 Sitzungszimmer, 2 Garderoben und Aborte.
  4. Im II. Stock: Die Abwartwohnung, 2 Arbeitsschulzimmer, Zeichnungssaal und Bibliothekzimmer, 1 Garderobenraum und Abort.

Im September 1909 konnte das nach dem Flurnamen seines Standortes benannte Schreiber-Schulhaus verbunden mit einem grossen Jugendfest eingeweiht werden. Über dem westlichen Eingang prangte gross und stolz: Erbaut MCMIX. (Ein wahrscheinlich durch einen Blitzschlag ausgelöster Brand im neuen Schulhaus hatte noch im Juli für Aufregung gesorgt, jedoch nur geringe Schäden verursacht.)
Der Thurgauer Volksfreund vom 2. September 1909 kündigte das Festprogramm so an:


Inserate im Thurgauer
Volksfreund vom 7.9.1909

Mittags nach 12 Uhr sammelt sich die gesamte Schuljugend, Sekundarschule inbegriffen, im Seminarhof zur Aufstellung des Festzuges. Von 1 Uhr an bewegt sich sodann ein imposanter Festzug, bestehend aus 860 Kindern und 50 Erwachsenen, durch die Hauptstrassen des Dorfes, voran die Trommler (11 Knaben), dann die ABC-Schützen, Studenten, ein Schulspaziergang, Blumenmädchen, Bäcker und Köche, Schlosser und Schmiede, Fischer, Turner, Armbrust- und Flobertschützen, Fahnenträger, Kantonstrachten, Elfen usw. Als Zugsmusik ist die hiesige Musikgesellschaft engagiert. (...) Sofort nach Ankunft beim neuen Schulhaus findet der eigentliche Weiheakt statt: Weihelied der Sekundarschüler, Ansprache des Architekten und Schlüsselübergabe, Ansprache des Schulpräsidenten und Gesamtchor der Schüler. Darauf wird den Schülern die erste Erfrischung verabreicht. Von 3-4 Uhr werden die Glanznummern vorgeführt; Gesang- u. Reigenaufführungen. (..., 12 Auftritte verschiedener Klassen)
Wenn es möglich ist, begeben sich um 4 Uhr sämtliche Schüler auf den Festplatz, wo sie mit allerlei Spielen und Belustigungen unterhalten werden: Freie Spiele, Wurstgumpen, Sacklaufen, Topfschlagen, Fischschießen, Wiegebalken, Gehen über den Schwebebalken, Klettern, Seilziehen, Wettlaufen, Flobertschiessen. (...)  

Die Kosten für den Festumzug mit Fahnen und Musik, die Ansprachen, Wettbewerbe und Spiele, die Festhütte und die Verpflegung der Kinder beliefen sich auf Fr. 4562.43 und wurden über den Schulreisefond bezahlt. Den Löwenanteil von knapp 3700 Franken leistete dabei die Primarschulkasse, 300 Franken stammten von der Sekundarschulreisekasse, fast ebenso viel trug der Kinderfestfonds Emmishofen bei, siehe auch PSZ Bernegg.

Schulpräsident Pfarrer Joseph Schlatter (1866 – 1944), eine treibende Kraft sowohl für die Vereinigung als auch den Bau des neuen Schulhauses, fand in seiner Festansprache Worte, die auch heute nichts von ihrer Bedeutung verloren haben: (...) ... dürfen wir nicht stehen bleiben. Das Rad der Zeit rollt unaufhaltsam vorwärts, und vorwärts kommen müssen auch wir. Die Schule stellt immer grössere Anforderungen an die Gemeinde, wenn wir mit der Zeit Schritt halten wollen. Die Schule soll nicht bloss eine Lernschule, sondern immer mehr eine Erziehungsschule sein. Unsere soz(ialen) Verhältnisse er­fordern das immer mehr. Gerade in unserer Gemeinde gibt es viele Eltern, welche den Tag hindurch vom Hause entfernt sind und sich nicht mit der wünschenswerten Sorgfalt der Erziehung ihrer Kinder widmen können. Hier muss die Schule ins Mittel treten und das Elternhaus vielfach unterstützen. Wenn Schule u. Elternhaus Hand in Hand gehen, dann wird die Fortbildung und Erziehung glücken. (...)

Im Winterhalbjahr 1909/10 belegten sieben Klassen mit insgesamt 420 (!) Schülerinnen und Schülern das neue Schulhaus. Zum Vergleich: 100 Jahre später gingen rund 180 Kinder hier zur Schule.
Dass der Bau über 80‘000 Franken teurer zu stehen kam als ursprünglich geplant, führte in der Folge zu hitzigen Diskussionen und zu bitteren Wortmeldungen in Versammlungen und der Tageszeitung, dem Thurgauer Volksfreund. Es konnte ja niemand wissen, dass dieser erste stolze Bau der Primarschule Kreuzlingen auch nach über 100 Jahren aussen wie innen seinen ursprünglichen Chrarakter weitgehend bewahrt sehen würde. Die folgenden Generationen nutzten, pflegten und aktualisierten Räume und Einrichtungen; und das alte Schreiberschulhaus ist zusammen mit den späteren Erweiterungen den aktuellen schulischen Anforderungen auch heute noch gewachsen.
[Anm. d. Verf.: Nicht selten erweisen sich erschreckend hohe Investionen von heute als Schnäppchen der Zukunft!]

Der Bau der 1913 von den Kreuzlinger Stimmbürgern beschlossenen Schreiberturnhalle verzögerte sich [Anm. d. Verf.: sie fehlt in der Postkarte oben zwischen Seminar und Schreiberschulhaus], weil viele der italienischen Bauarbeiter wegen der drohenden Kriegsgefahr in ihre Heimat zurückgerufen wurden. 1914 fertiggestellt, musste sie erst knapp 50 Jahre später einer gründlichen Renovation unterzogen und durch einen Anbau im Westen an die gestiegenen Anforderungen angepasst werden.


Von rechts nach links: Schreiberschulhaus, Turnhalle, Lehrerseminar (um 1914)

Kriegsjahre 1914 - 1918
Die Kriegsjahre hatten erhebliche Störungen des Schulbetriebs zur Folge: Lehrkräfte wurden zum Militärdienst eingezogen, und wiederholt fanden im Schulhaus militärische Einquartierungen statt. Zudem konnten wegen des Kohlemangels die Schulen in den letzten beiden Kriegswintern oft nur ungenügend geheizt werden.
1918 und 1919 breitete sich weltweit die sogenannte Spanische Grippe aus. Diese war wahrscheinlich aus China in die USA gebracht worden. Soldaten der US Army schleppten das Virus nach Europa ein. Die Epidemie betraf zuerst die Soldaten der am Krieg beteiligten Armeen, um sich dann über die Städte und deren Agglomerationen hinaus weiter zu verbreiten. In der Schweiz schien sich die Epidemie im August 1918 nach nur einem Monat wieder zu legen, brach aber im Oktober erneut aus um erst im Frühjahr 1919 wieder abzuklingen. Fast 25‘000 Menschen waren ihr allein in der Schweiz zum Opfer gefallen.


um 1915

  


Kochschule (Bild: M. u. L. Greminger-Tobler)


(Bild: M. u. L. Greminger
Tobler)

  


Turnhalle, Westseite (Bild: M. u. L. Greminger-Tobler)

Jahrzehnte ohne Aufhebens
[Anm. d. Verf.: In den Archiven der Schule Kreuzlingen dokumentieren nur wenige Unterlagen seine Geschichte, auch Abstimmungsbotschaften betrafen es nur selten: Es ist offensichtlich, dass es sich beim Schreiberschulhaus um einen „nachhaltigen“ Bau handelt, der über Jahrzehnte den wechselnden Anforderungen der Schule(n) zu dienen und den vielfältigen Beanspruchungen durch Kinder und Erwachsene standzuhalten vermochte.]

1926 wurden erstmals zwei Sekundarschulklassen hier untergebracht. Die Sekundarschule war auf sieben Klassen angewachsen, doch bot das Schulhaus an der damaligen Bahnhofstrasse lediglich Raum für fünf Abteilungen, siehe auch SSZ Pestalozzi.

Kriegsjahre 1939 - 1946
Im Jahresbericht pro 1939 schreibt der Schulpräsident Emil Knus: Das abgelaufene Schuljahr war ein sehr bewegtes und der Schulbetrieb häufig gestört. Der Kriegsausbruch und die dadurch bedingte wiederholte Mobilisation des Grenzschutzes und der ganzen Armee hat die vorübergehende Einstellung der Schulen notwendig gemacht, indem fast die Hälfte unseres Lehrkörpers entweder zum Militär- oder Luftschutzdienst einzurücken hatte. Während die Luftschutzmannschaften jeweils nur während kurzer Zeit aufgeboten waren, mussten für die monatelang unter den Fahnen stehenden aktivdienstpflichtigen Lehrer Vikare und Vikarinnen eingestellt werden. Eine finanzielle Belastung entstand dadurch für die Gemeinde allerdings nicht, indem deren Besoldung durch den Kanton übernommen wurde, dagegen zeigten sich andere Nachteile, obschon im allgemeinen gesagt werden kann, dass die Aushilfskräfte ihre Aufgabe mit dem Einsatz ihres vollen Könnens und Wissens erledigten.
Wenn wir in Kreuzlingen jeweils nur verhältnismäßig kurze Zeit eine Unterbrechung des Schulbetriebes erleiden mussten, so verdanken wir es dem Umstand, dass wir am Platze die kantonale Lehrerbildungsanstalt haben, deren Direktion uns in verdankenswerter Weise jeweilen raschestens junge Ersatzlehrkräfte zugewiesen hat. Außerdem waren nur wenige unserer Schulräumlichkeiten für militärische Zwecke belegt und der Schulbetrieb auch in dieser Hinsicht wenig beeinträchtigt worden.
Die Kriegsjahre beeinflussten den Schulalltag stark: Während der Generalmobilmachungen im September 1939 und im Mai 1940 fiel der Unterricht an den meisten Schulen für gut eine Woche aus, waren damals doch die meisten Lehrkräfte männlich. Ab 1940/41 wurden die Weihnachtsferien wegen der Kohleknappheit auf bis zu 4 Wochen verlängert, zudem wurde im Winterhalbjahr der Halbtagesunterricht eingeführt: Ein Schulzimmer diente zwei Klassen, die eine besuchte den Unterricht vormittags, die andere am Nachmittag. Im folgenden Winter kam die Fünftagewoche dazu. Besonders in den letzten Kriegsjahren waren in den Schulen der Grenzorte kurze Unterbrechungen wegen Fliegeralarms häufig.
Adolf Eberli, der ab 1912 im Schreiberschulhaus die Oberschule (7. und 8. Schuljahr) führte, blieb der Kreuzlinger Schule während 40 Jahren treu. In seinen ausführlichen Schultagebüchern hielt er manch politisches Ereignis fest, sofern es seinen Schulbetrieb beeinflusste. Am 2. September 1939, also einen Tag nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Polen, hatte er im Rahmen der ersten Generalmobilmachung in den Luftschutzdienst einzurücken. Von diesem wurde er während eines Tages beurlaubt, damit er mit seiner Klasse die Landesausstellung in Zürich besuchen konnte. Während des Krieges fiel Eberlis Unterricht mehr als zwanzig Mal wegen Luftschutzdiensten aus, meist für zwei Tage. Bei längeren Einsätzen unterrichteten Vikarinnen und Vikare seine Klasse.

Der Krieg bewirkte in den Schulen nicht nur Ausfälle, er beeinflusste auch in grossem Masse pädagogische Entscheidungen von Lehrkräften und Behörden:

  • Arbeiten für die Gemeinschaft wurden durchgeführt, oft während der Freizeit*, zum Beispiel Altpapiersammlungen, Gartenarbeiten in verschiedenen Gärtnereien, Hilfe in Bauernbetrieben, Obst-, Buchnüsse-, Gemüse-, Kartoffeln-, Tannzapfen- und Maikäfersammlungen, Geldsammlungen für die Flüchtlingshilfe, für Finnland, die Schweizer Nationalspende  u.a.m.
    [Anm. d. Verf.: * Es wurde befürchtet, die Abwesenheit so mancher Väter und die häufigen Schulausfälle könnten zu einer weitreichenden Lockerung der Disziplin führen; von „Verrohung“ war gar die Rede. Gemeinsame Unternehmungen sollten dieser Entwicklung entgegen wirken, indem sie die Kinder und Jugendlichen während der Freizeit beaufsichtigten und beschäftigen und ihr Verantwortungsgefühl für die Allgemeinheit förderten.]
  • Soldaten, die über Weihnachten Aktivdienst leisten mussten, erhielten von den Kindern geschriebene Briefe und selbst gebastelte Geschenklein.
  • Der staatsbürgerliche Unterricht wurde ausgebaut; im Schulfunk richteten sich sowohl Bundesrat Rudolf Minger als auch General Henri Guisan an die Jugend. Viele Schulklassen nahmen am 1. August an den Bundesfeiern teil, das Rütli war beliebtestes Schulreiseziel, und kaum ein Schweizer Schulkind das 1939 nicht die „Landi“ in Zürich besucht hätte, viele mehrmals.

Daneben gingen Leben und Alltag ihren gewohnten Gang. So berichtet der Thurgauer Volksfreund im April 1946: Der Vorraum und das Souterrain der Schreiberturnhalle sind in den vergangenen Wochen einer durchgehenden Renovation unterzogen worden. (...) Diese schlug in der Jahresrechnung mit Fr. 3855.55 zu Buche.


1952

Jahrzehnte Frieden und Alltag
1962 waren die Schäden und Mängel an der Schreiberturnhalle so gravierend, dass die Schulgemeinde über einen Renovationskredit von Fr. 260‘000.- abstimmen liess. Im folgenden Jahr konnten neben den eigentlichen Renovationsarbeiten folgende Erweiterungen ausgeführt werden:
Ein Anbau gegen Westen vergrösserte den Eingangsbereich und ermöglichte den Bau eines genügend grossen Geräteraums, eines Turnlehrer- und Sanitätszimmers und einer Dusche für die Lehrkräfte. Im Untergeschoss konnten Garderoben und Duschen eingerichtet und die WC-Anlagen erweitert werden. Zudem wurde die Heizung der Halle mit jener des Schulhauses verbunden. Der auf der Postkarte von 1914 sichtbare direkt in die Halle führende Seiteneingang wurde aufgehoben.

1964/65, also nach 55 Jahren intensiver Nutzung, unterzog man das Schreiberschulhaus für rund Fr. 570‘000.- erstmals einer umfassenden Renovation. Da im wesentlichen nur ausserhalb der Schulzeit und vor allem während der Ferien gearbeitet werden sollte, wurden 1965 auf Antrag der Lehrerschaft dabei auch unkonventionelle Massnahmen getroffen: Bei Beginn der ordentlichen Sommerferien wechselten die Schüler des Schreiberschulhauses ins Wehrlischulhaus und wurden dort noch weitere vier Wochen von ihren Lehrern unterrichtet. Nach diesen vier Wochen begannen für sie die Sommerferien, die auf Kosten der Herbstferien um eine Woche verlängert wurden. Auf diese Weise blieb das Schreiberschulhaus 11 Wochen leer.

1968 wurde auf der Gemeindewiese, südöstlich des Schulhauses ein Schulpavillon mit zwei Schulräumen aufgestellt. Dieser hatte zuvor in Kurz­rickenbach gedient, war hier aber durch den Neubau des Schulhauses Seetal überflüssig geworden. Die Raumprobleme nahmen zu; dem Pavillon rechts im Bild wurde später ein zweiter zugesellt, der 2005 im Zusammenhang mit der Errichtung des Sport- und Kulturzentrums Dreispitz den Platz räumen musste.

Während Jahren war der Bau einer Pausenhalle im Gespräch. Ein Projekt von 1970 sah dafür einen flachen Verbindungsbau zwischen Schulhaus und Turnhalle vor. 1992 schliesslich wurde eine frei stehende eigenständige Halle zwischen den beiden Gebäuden errichtet.

Nach den seit 1993 im Schulhaus Wehrli gemachten guten Erfahrungen mit der Schulischen Heilpädagogik (SHP) beschloss die Behörde, diese in ganz Kreuzlingen einzuführen: 1999 erhielt das PSZ Schreiber „seinen“ Heilpädagogen, 2000 das PSZ Seetal und 2003 als letztes das PSZ Bernegg.
[Anm. d. Verf.: Es mag erstaunen, dass die SHP über 10 Jahre verteilt in den Primarschulzentren eingeführt wurde. Einerseits ging es der Behörde darum aufgrund gemachter Erfahrungen zu entscheiden, andererseits war sie überzeugt eine Neuerung könne erst dann erfolgversprechend eingeführt werden, wenn die Betroffenen dazu bereit sind... das dauert manchmal.]

Tagesstrukturen
Das Bedürfnis nach einem Angebot für Kinderbetreuung ausserhalb der Schulzeit wurde  immer dringlicher. Als erstes reagierte das PSZ Schreiber darauf: Seit August 2007 ist in den Räumen unterhalb der Schulzahnklinik in Zusammenarbeit mit dem Verein Kreuzlinger Kinderkrippen, der Stadt und der Primarschulgemeinde der Kinderhort Schreiber eingerichtet worden. Hier fanden bis zu 12 Kinder Betreuung und Mittagstisch. Mittlerweile ist das Angebot in allen Schulzentren vorhanden.

Felsenschlössli
Zum Primarschulzentrum Schreiber gehört das Felsenschlössli.


Undatierte Ansichtskarte:
Blick von der Römerburg (Lengwilerstrasse) über Kreuzlingen nach Konstanz

1556 verkaufte das „Gottshaus Kreuzlingen“ den Rebberg „zum Schulmeister“. Um 1570 liess der damalige Besitzer, wahrscheinlich Abraham Fels, darauf ein Haus erbauen. Mit seinem Treppengiebel erinnerte dieses an ein Schlösschen, weshalb es im Volksmund bald den Namen „Felsenschlössli“ erhielt. 1855 konnte das Haus von der damals noch kleinen Schulgemeinde erworben werden. Es ist Kreuzlingens ältestes Schulhaus und beherbergt seit 1861 die Semi­nar­übungsschule mit zwei Abteilungen und eine Hauswartwohnung.
1904 bis zum Bau des Schreiberschulhauses 1909 nahm es im Erdgeschoss die dritte Schulklasse Kreuzlingens auf.
Ein Vertrag zwischen Kreuzlingen und dem Staat Thurgau regelte die Führung der Übungsschule. Dieser bestimmte unter anderem:
Art. 1. Die Schulgemeinde Kreuzlingen verpflichtet sich, für die Übungsschule des Seminars die erforderlichen Räume, bestehend in zwei Lehrzimmern mit den erforderlichen Bestuhlungen und sonstigem Mobiliar, gegen eine Entschädigung von Fr. 300.- nämlich Fr. 200.- für das größere und Fr. 100.- für das kleinere Zimmer, zur Verfügung zu stellen, zu heizen, zu beleuchten und zu reinigen und unklagbar zu unterhalten. (...)
Art. 2. Die Besoldung des oder der Lehrer der Übungsschule wird vom Staate übernommen, ebenso die Beschaffung der allgemeinen Lehrmittel der Übungsschule. (...)
Art. 3. In der Organisation der Übungsschule hat der Staat innert den Schranken des jeweiligen Unterrichtsgesetzes freie Hand. (...) Die Schulgemeinde hat Anspruch darauf, dass mindestens 56 Schüler in der Übungsschule den Primarschulunterricht erhalten. (...)

1962 ermöglichte ein gegenseitiges Näherbaurecht der Garage Lang die Vergrösserung ihrer Autowerkstätte, der Schule den Bau einer Pausenhalle. 1998 wurde der bislang ungenutzte Dachraum in einen polivalenten Schulraum umgewandelt und 2002 erlaubte ein moderner Anbau die Einrichtung eines Werkraums.


Felsenschlössli 1952, rechts davon das Scheffelhaus, heute Mädchenkonvikt des Lehrerseminars

Nicht nur baulich entwickelte sich die Seminarübungsschule. Diese hatte stets eine besondere Stellung mit besonderem Auftrag: Sie wurde, der Schulrealität in ländlichen Gebieten entsprechend, stets im Mehrklassensystem geführt. Lange unterrichteten die Übungslehrer hier je drei Klassen gemeinsam, später und bis heute noch zwei. „Altersgemischtes Lernen“ wurde von diesen Lehrkräften nicht als Einschränkung sondern vielmehr als Chance verstanden, was Heidi Hofstetter-Sprunger, während vieler Jahre Übungs- und Methodiklehrerin für die Unterstufe, 2006 in Wort und Bild eindrücklich dokumentierte.

Momentaufnahme 2013
Im Konstanzer Südkurier vom 27. Februar 2013 berichtet die Redaktorin Kirsten Schlüter von einem Schulbesuch im Schreiberschulhaus:

Nachbarn investieren kräftig in Bildung
(...) Wenn Marlene, Kadire, Almira und Rilind den neuen Buchstaben Y lernen, Silben klatschen und Arbeitsblätter ausfüllen, ist das für die Kreuzlinger Erstklässler Alltag. Sie merken nicht, unter welch guten Bedingungen sie im Thurgau lernen dürfen. Doch für Außenstehende wird der Unterschied zwischen einem deutschen und einem Schweizer Klassenzimmer auf den ersten Blick augenscheinlich. In Schweizer Schulen steckt richtig viel Geld.

An einem Donnerstagmorgen sitzen die Erstklässler des Kreuzlinger Schulzentrums Schreiber auf ihrem Bänkli vor der Tafel und versuchen zu verstehen, warum das Y einmal wie ein Ü ausgesprochen wird, dann wieder wie J oder I. Nur elf Kinder sind da, sieben liegen krank im Bett. Dass die Klasse insgesamt nur aus 18 Schülern besteht, gehört zum Konzept. ,,Wir haben eine extra Einschulungsklasse für entwicklungsverzögerte Kinder", erklärt die stellvertretende Schulleiterin Wiebke von Lengerke. Sie werden ein Jahr lang besonders gefördert und kommen in der zweiten Klasse zu Marlene, Kadire und den anderen dazu. Daher werden im ersten Schuljahr Plätze für sie freigehalten. Für die Erstklässler ist die kleine Gruppe angenehm - auch deshalb, weil der Migrantenanteil an Kreuzlinger Schulen bei 55 Prozent liegt. So ist es auch in der aktuellen ersten Klasse, die aus acht Schweizern, zwei Deutschen, vier Mazedoniern, einem Kind aus Italien und einem aus Sri Lanka besteht. Der Kanton Thurgau hat nicht umsonst Hochdeutsch als Unterrichtssprache zur Pflicht erklärt. Schweizerdeutsch ist nur in den Pausen zu hören. Hilfreich ist es auch, dass die Klasse bei Bedarf geteilt werden kann: Karin Hürsch und Evi Löser unterrichten im Team. ,,Wir achten darauf, die Gruppe nicht nach Niveau zu trennen, damit jeder gefördert wird", sagt Karin Hürsch.

Im Moment führt Evi Löser die Klasse aber alleine. Ihre Kollegin sitzt hinten drin und bereitet sich vor. Nicht etwa mit Papier und Stift oder am privaten Laptop, sondern an einem riesigen Apple-PC. Drei weitere teure Geräte sind im Klassenzimmer verteilt. ,,Das ist ja Luxus", staunen die deutschen Besucher. ,,Luxus?", fragt Karin Hürsch. ,,Was soll ich denn im Medienunterricht mit vier Computern anfangen?" Sie weiß aber, dass eine solche Ausstattung in Konstanzer Klassenzimmern nicht zu finden ist. Und wenn wirklich jedes Kind an einem Gerät arbeiten soll, kann die Lehrerin einfach ins Schulleiterbüro gehen und dort einen Klassensatz iPads holen, die vollgeladen mit Apps (Anwendungen) sind.

Das Geld im Schweizer Schulsystem steckt aber nicht nur in Geräten, sondern auch in Büchern, die Eltern grundsätzlich nicht kaufen müssen, und im Personal. Im Schulzentrum Schreiber gibt es ein Förderzentrum, eine Schulberatung mit studierten Psychologen (sie kümmern sich um Krisenkonzepte, Gewaltprävention und Sexualberatung), Logopäden, Angebote zur Psychomotorik und Familienberater, die schwierige Familien aufsuchen. Auch Wiebke von Lengerke nennt sich Luxus. Die Deutsche ist studierte Sonderschullehrerin und in Kreuzlingen als schulische Heilpädagogin angestellt. ,,Wir sind zwei Vollzeitkräfte für 300 Schüler", erzählt die 41-Jährige. ,,Wir können zwar keinen Schüler in Mathe besser machen, aber wir sorgen dafür, dass alle mit einem Lachen durch die Schule gehen." Sie findet in der Schweiz ,,tolle Arbeitsbedingungen" vor - auch wenn sie als stellvertretende Schulleiterin keinen zusätzlichen Rappen für ihr Amt bekommt. ,,Wir treten den Eltern hier auch viel mehr auf die Füße als in Deutschland. Wir können sie zum Beispiel verpflichten, mit der Familienberatung zusammenzuarbeiten", sagt die 41-Jährige.

Die Skepsis vieler deutscher Eltern gegenüber dem Schweizer Schulsystem kann dort niemand verstehen. Doch immer noch wohnen viele deutsche Familien in Kreuzlingen und schicken ihre Kinder in Konstanz zur Schule. Momentan betrifft dies laut dem Kreuzlinger Schulpräsidenten Jürg Schenkel 120Grundschüler und 60 ältere Schüler. ,,Mit der Integration dieser Kinder in ihr Schweizer Wohnumfeld klappt es dann nicht so gut", sagt Wiebke von Lengerke. Für die Kreuzlinger Klassen allerdings hat dies auch einen Vorteil: Sie bleiben weiterhin übersichtlich.

(...)

 

 

 

Quellen:

  • M. Bürgi, M. Rüthers, A. Wüthrich: Kreuzlingen (Stadt Kreuzlingen, 2001)
  • www.museums-gesellschaft.ch
  • Vereinigung Heimatmuseum Kreuzlingen: Beiträge zur Ortsgeschichte:
    Hefte IV und XI, 1951 und 1957
  • Abstimmungsunterlagen
  • Jahresrechnungen und Rechenschaftsberichte seit 1907

 

Autor:
Kurt Fillinger, Kreuzlingen 2013

Schulgemeinde Kreuzlingen | Pestalozzistrasse 15 | 8280 Kreuzlingen | 071 677 10 00